Der Theatermacher Manfred Beilharz hat seinen künstlerischen Vorlass der Landeshauptstadt Wiesbaden übergeben. Am Donnerstag, 22. Januar, unterschrieb er im Kulturdezernat am Schillerplatz den Schenkungsvertrag mit dem Stadtarchiv. Kulturdezernent und Stadtkämmerer Dr. Hendrik Schmehl sowie Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg nahmen die Unterlagen entgegen. Mehr als dreißig Kisten mit Programmen, Fotos, Skizzen, Korrespondenzen und Presseartikeln sollen künftig im Stadtarchiv aufbewahrt werden.
Übergabe und Umfang des Vorlasses
Die ersten Kontakte zwischen Beilharz und dem Stadtarchiv gehen auf 2019 zurück. Der Bestand umfasst nach Angaben des Archivs Materialien aus allen beruflichen Stationen des Theatermanns. Neben Spielzeitprogrammen und Inszenierungsentwürfen befänden sich Briefe an Rechtsträger sowie Presseausschnitte im Nachlass. Stadtarchivleiter Dr. Peter Quadflieg betonte, der Vorlass zeichne sich dadurch aus, dass er nicht nur die Intendanz in Wiesbaden dokumentiere, sondern auch die internationale Ausrichtung von Beilharz Karriere widerspiegele.
Stationen einer langen Theaterkarriere
Beilharz begann seine Laufbahn nach dem Studium der Germanistik, Rechtswissenschaft und Theaterwissenschaft sowie einer Promotion in Theater- und Urheberrecht als Regieassistent an den Kammerspielen in München. 1967 wechselte er als Oberspielleiter und Chefdramaturg an das Westfälische Landestheater in Castrop-Rauxel. Kurz darauf übernahm er mit 30 Jahren seine erste Intendanz am Landestheater Tübingen. Weitere Stationen waren die Städtischen Bühnen Freiburg von 1976 bis 1983 und das Staatstheater Kassel von 1983 bis 1991.
In Bonn leitete Beilharz von 1991 bis 2002 zunächst das Schauspiel und wurde 1997 Generalintendant des vereinigten Theaters der Bundesstadt Bonn. In dieser Zeit wurden mehrere Produktionen zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen, unter anderem 1993, 1996 und 1999. 2002 wechselte er an das Hessische Staatstheater Wiesbaden, das er mehr als ein Jahrzehnt prägte.
Internationale Netzwerke und Festivalgründungen
Beilharz war Mitbegründer der Biennale Neue Stücke aus Europa, die er 1992 zusammen mit Tankred Dorst in Bonn initiierte und später in Wiesbaden fortsetzte. Weitere von ihm begründete Festivals sind das Theaterfestival Freiburg von 1976, das Festival Spielräume zur documenta 8 in Kassel 1987 und das Festival Theater im Aufbruch 1990 über sowjetisches Theater nach Perestrojka und Glasnost. Von 2002 bis 2008 führte er das Internationale Theaterinstitut der UNESCO als Weltpräsident, dem er bereits seit 1993 angehörte und dem er heute als Ehrenpräsident verbunden ist.
Beilharz selbst beschrieb seine Arbeit als geprägt von regionalen Bezügen, ästhetischen Herausforderungen und Internationalität. Als Beispiel nannte er Gastspiele des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden, darunter vier Produktionen in China und Aufführungen in zehn weiteren europäischen Ländern.
Anekdote und Bedeutung
Zur Unterzeichnung brachte Beilharz ein besonderes Objekt mit: ein Schofar, ein altes israelisches Blasinstrument aus Antilopenhorn. Es war ein Geschenk der damaligen Intendantin der New Israeli Opera in Tel Aviv, Hanna Munitz, nach einer gemeinsamen Produktion von Alban Bergs Oper Wozzeck. Bei der kleinen Zeremonie im Kulturdezernat spielte der 87-jährige Beilharz das Instrument und sorgte für Heiterkeit.
Kulturdezernent Dr. Hendrik Schmehl äußerte Dank dafür, dass Beilharz das Stadtarchiv für die dauerhafte Aufbewahrung ausgewählt habe. Zum Abschluss der Unterzeichnung mahnte Beilharz, die politischen Verhältnisse in Russland, in Europa und in Israel hätten sich verändert. Es sei an der Zeit, über einen Neuanfang nachzudenken, und das historische Material im Archiv könne dabei Einblicke in frühere internationale Austauschformen liefern.
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