Im Haus der Architekten in Wiesbaden diskutierten Ende November Fachleute aus Stadtplanung, Architektur, Forschung und Kultur über das Leitbild der produktiven Stadt. Anlass war ein DesignDialog des Stadtmuseums sam, moderiert von Andrea Jürges vom Deutschen Architekturmuseum. Zentral waren Fragen, wie alte Innenstädte neu gemischt, Leerstände aktiviert und Handwerk sowie urbane Produktion zurück in zentrale Lagen geholt werden können.
Veranstaltung und Beteiligte
Der Sitzungssaal war voll besetzt. Begrüßt wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Torsten Becker vom Vorstand der Architektenkammer Hessen und Sabine Philipp, Direktorin des sam. Als Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner traten Francesca Ferguson, Stadtforscherin und Leiterin der Berliner Initiative Make_Shift gGmbH, Constanze Paffrath, Leiterin der Abteilung Städtebau im Stadtplanungsamt Wiesbaden, sowie Philipp Krass von berchtoldkrass space and options auf.
Kernideen der produktiven Stadt
Im Mittelpunkt der Diskussion stand das Konzept einer Stadt, in der Wohnen und Arbeiten nicht streng getrennt sind, sondern kleinteilige Produktion, Handwerk oder urbane Landwirtschaft wieder Platz in innerstädtischen Lagen finden. Ferguson beschrieb die produktive Stadt als Antwort auf drei parallele Probleme: den Mangel an Fachkräften im Handwerk, das Verschwinden von Kleinbetrieben aus den Innenstädten und die fehlende nachhaltige städtische Nahrungsmittelproduktion. Sie sprach sich dafür aus, Erdgeschosse und Innenhöfe gezielt für Kleingewerbe zu öffnen und Leerstände durch verhandelte Nutzungen und Pop up Leases zu aktivieren.
Auch kommunale Perspektiven wurden thematisiert. Constanze Paffrath bezeichnete die europäische Stadt als sinnstiftendes Leitbild und betonte, dass die größte Herausforderung darin bestehe, Strategien zu entwickeln, die ein gerechtes und nachhaltiges Zusammenleben für alle Bevölkerungsgruppen ermöglichen.
Folgen für Stadtbild und Alltag
Philipp Krass prognostizierte, dass der Handel in seiner bisherigen Rolle an Bedeutung verlieren wird, die Innenstädte aber als Treffpunkte erhalten bleiben. Bildung, Kultur und verträgliche Produktion könnten künftig Lücken füllen. Er stellte zudem in Aussicht, dass sowohl zentrale wie auch periphere Bereiche sich an veränderte Nutzungen und den Klimawandel anpassen müssen, was zu grüneren Quartieren führen könne.
Torsten Becker forderte eine vorausschauende Planung, die neue Lebensmodelle und Arbeitsformen berücksichtigt. Gute Planung müsse politische Ziele vermitteln und Akzeptanz schaffen. Innenstadtentwicklung sei eine Gemeinschaftsaufgabe, die interdisziplinäre Vernetzung voraussetze.
Ausblick für Wiesbaden
Der sam DesignDialog wurde in der Veranstaltung auch als Plattform verstanden, die lokale Akteurinnen und Akteure vernetzt und Debatten anstößt. Das Projekt ist als gelabeltes Vorhaben der World Design Capital 2026 Frankfurt RheinMain ausgewählt worden. Sabine Philipp kündigte an, dass der DesignDialog 2026 im ehemaligen Sportscheck Gebäude in der Langgasse stattfinden wird. Dort soll das Erdgeschoss von Mai bis Ende Oktober als ein offener Raum für Projekte aus Wiesbaden und Umgebung dienen und die Öffentlichkeit zur Mitwirkung einladen.
Das Interesse der Besucherinnen und Besucher zeigte, dass die produktive Stadt in Wiesbaden nicht nur ein planerisches Konzept bleibt, sondern Fragen von sozialer Mischung, Klimaanpassung, Umgang mit Leerstand und der Rolle des Handwerks verbindet. Konkrete Stadtentwicklungsentscheidungen bleiben nun die Aufgabe von Verwaltung, Politik und zivilgesellschaftlichen Initiativen.
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